Rede von André Aich auf der Betriebsversammlung vom 27. März 2012
Dienstag, 27. März 2012 von tk | Abgelegt in Bayer, Bayer Pharma | Keine Kommentare »Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen!
Berlin – wo aus Tradition Innovation wird.
In Zeiten von Start-up Unternehmen, Outsourcing und Globalisierung – schnell wachsenden und sich stetig verändernden Strukturen ist es sicherlich auch für Manager eine Herausforderung, Unternehmen mit einer langjährigen Geschichte zu leiten.
Dass dies kein Ballast ist, sondern im Gegenteil die besondere Leistungsfähigkeit eines Unternehmens ausmachen kann, möchte ich ihnen anhand des Standortes Berlin belegen.
Um zu verstehen, wie dieses Unternehmen hier funktioniert, wo seine Stärken zu finden sind und zu verstehen, warum wir Mitarbeiter so sind wie wir sind, muss es erlaubt sein, ein wenig die Vergangenheit zu betrachten.
1851 eröffnet Ernst Schering die Grüne Apotheke. Als Gründer des gleichnamigen Unternehmens hatte er in seinem Testament festgelegt, dass dieses Unternehmen immer unpolitisch zu führen sei. Dass dieser Grundsatz, nach zwei Weltkriegen, zwei Diktaturen, heute – in einem vereinigten Deutschland – noch immer von den Mitarbeitern gelebt wird, spricht für die besondere Bindung der Mitarbeiter zu ihrem Unternehmen. Diese Identifizierung mit den Zielen und Werten des Unternehmens bildet die Grundlage, für die Leistungsfähigkeit und somit für den Erfolg des Unternehmens.
Während große Teile der deutschen chemischen und pharmazeutischen Industrie im Dritten Reich durch Kollaboration und aktive Unterstützung der Nationalsozialisten von sich reden machten und selbst vor schrecklichsten Verbrechen nicht zurückschreckten, standen viele Eltern und Großeltern der Mitarbeiter, die heute hier im Saal sitzen, unter Einsatz ihres Lebens für humanistische Werte ein. Zum Beispiel in der hauseigenen Druckerei. Hier fälschten sie für jüdische Zwangsarbeiter in Berlin, Arbeitsunfähigkeitsatteste. Diese galten somit als nicht transportfähig und konnten einer Deportation in die Konzentrationslager und damit dem sicheren Tod, entgehen. Auch hier nicht beschäftigte Juden wurden in eigens dafür umgebauten Kellern, im Werk Wedding versteckt. Berliner Mitarbeiter retteten damit viele Menschen vor dem sicheren Tod.
Auch einige Jahre später, in Zeiten der russischen Blockade von West Berlin und des Kalten Krieges, haben die Mitarbeiter und das Unternehmen immer an Berlin festgehalten. Eingemauert und nur durch die Luft erreichbar, unter solchen Bedingungen eine pharmazeutische Firma zu betreiben, ist für heutige Verhältnisse absolut unvorstellbar. Aber mit seinen Mitarbeitern haben sie es damals geschafft, denn jeder hier wusste, wofür er sich einsetzte, für ein Unternehmen, dass den Menschen mehr gibt als Lohn und Brot, nämlich ein Stück Identität auf das Sie Stolz sein können.
In einer Zeit, in der viele andere große Unternehmen Berlin den Rücken kehrten, weil es immer schwieriger wurde, unter diesen Umständen zu produzieren und zu forschen, blieben wir hier und arbeiteten unter den unmöglichsten Bedingungen einfach weiter. Nehmen wir die Antibabypille, heute – über 50 Jahre nach ihrer Einführung und immer noch erfolgreich. Entwickelt unter schwierigsten Voraussetzungen, immer wieder neu erfunden und bis heute – eine Erfolgsstory.
Den äußeren Umständen seien sie auch noch so widrig, zu trotzen und sich auf sein Unternehmen zu konzentrieren, das schweißt zusammen. Und so gibt es heute und hier eine Belegschaft, auf die sich das Unternehmen Bayer zu hundert Prozent verlassen kann. Genau diese Belegschaft hat gelernt, für ihr Unternehmen und ihre Arbeit zu kämpfen. So etwas prägt ein ganzes Leben und darüber hinaus. Viele hier arbeiten schon in der 3. und 4. Generation und damit werden Werte wie Vertrauen und Loyalität, an die nächste Generation weitergegeben. Diese Geschichte, aber vor allen Dingen diese Mitarbeiter, mit ihrer ganz besonderen Verbundenheit zu ihrem Unternehmen, das ist ein ganz besonderer Schatz! Wer eine solche Bindung zu seiner Firma mitbringt, der kommt gerne zur Arbeit und verteidigt diese gegen alle äußeren Einflüsse. Damit lässt sich gut erklären, warum wir so sind, wie wir sind und warum wir von außen oft als das gallische Dorf wahrgenommen werden. Wer es gewohnt ist zu kämpfen und sein Unternehmen zu verteidigen, der hat eine ganz besondere Nähe zu seiner Arbeit und zu seinem Unternehmen. Der hinterfragt Entscheidungen, denn dies Unternehmen ist ein Stück der eigenen Historie, ein Stück von einem Selbst.
Und so lässt man sich hier auch nichts vormachen. Auch nicht, wenn wie jetzt im GAC-2015-Projekt geschehen, ein Projektteam den Mitarbeitern im vergangenen Jahr in Berlin erklärt: „Eure Billtrolling-Organisation in Berlin, ist bestens aufgestellt und dient als Vorbild für das ganze Projekt.“ Ein halbes Jahr später aber einräumt, dass Berlin trotz schlanker und effizientester Prozesse vollumfänglich vom Projekt betroffen ist. Prozesse auseinandergerissen werden und Mitarbeiter ihren Job verlieren sollen. Dass nach 9 Monaten immer noch keine Aussage zur zukünftigen Struktur gemacht werden kann, dafür aber die Leiter des Projektteams von GAC, sich erst einmal alle selbst mit Stellen versorgt haben, ist ein Skandal! Die oberste Ebene ist seit Monaten fertig. Die Mitarbeiter, welche die Arbeit vor Ort machen, werden weiter im Unklaren gelassen. Das Accounting ist eine Arbeit, die hauptsächlich von Menschen gemacht wird. Die werden aber bei diesem Projekt völlig ausgeklammert und man beschränkt sich in der Betrachtung auf Strukturen und IT-Systeme. Spätestens, wenn die Reisekostenabrechnung nicht mehr funktioniert, Lieferanten ihre Rechnungen nicht mehr bezahlt bekommen oder der Jahresabschluss zur Disposition steht, werden wir alle merken, was für einen sehr guten Job die Mitarbeiter im Biltrolling in den vergangenen Jahren gemacht haben. GAC-2015 ist ein Paradebeispiel für immer komplexer werdende Prozesse und für schlechtes Projektmanagement. Das haben diese Mitarbeiter hier nicht verdient!
Was uns fehlt, und das nicht nur im GAC-Projekt, ist das Verständnis dafür, wie es weitergehen soll.
- Welches Konzept gibt es für den Standort Berlin?
- Wie sieht unsere Zukunft aus?
- Gibt es ein strategisches Ziel?
- Was bringen alle diese vielen Veränderungen?
- Gibt es jemanden der sie überhaupt koordiniert?
- Dass Verständnis für all diese Umorganisationen? Es fehlt!
Wir wollen vor allen Dingen eins, unseren Job hier machen!
Der Standort Berlin, mit seinen selbstbewussten und erfolgsorientierten Mitarbeitern, die mit ihrer Geschichte, die Geschichte und den Erfolg des Unternehmens Bayer prägen, zu wertvoll um ihn ungenutzt zu lassen.
Herr Dekkers, mit uns haben Sie die besten Vorrausetzungen in der Welt, eine hoch motivierte Mannschaft, exzellent ausgebildete Mitarbeiter und was unbezahlbar ist, mit einer großen Bindung an ihr Unternehmen. Nutzen sie es!
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